Reindustrialisierung – ein neuer und wichtiger Trend
12. Februar 2025
Lieferengpässe während der Corona-Pandemie und die Modernisierung der Infrastruktur befördern eine Stärkung der heimischen Industrie. Die Reindustrialisierung fordert aber auch Anleger zum Umdenken auf.
Deutschlands Wirtschaft blutet aus, sagen Kritiker. Sie spielen damit auf die schleichende Deindustrialisierung unseres Landes an. Doch die Kritik ist nur bedingt berechtigt. Dass der Industriesektor in einer modernen Volkswirtschaft an Bedeutung verliert, ist keineswegs ungewöhnlich. Das ist nicht erst seit „gestern“ so und es betrifft nicht nur Deutschland.
In nahezu allen westeuropäischen und nordamerikanischen Volkswirtschaften musste das produzierende Gewerbe, umgangssprachlich auch als „die Industrie“ betitelt, in den zurückliegenden Jahrzehnten Federn lassen. In Deutschland ist dies spätestens seit den 1970er-Jahren deutlich sichtbar. Entfielen bis zum Ende der 1960er Jahre noch mehr als die Hälfte der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung auf den industriellen Sektor, ist dieser Anteil bis heute auf etwa 30 Prozent zurückgegangen. Das hört sich nach wenig an, ist es aber nicht. In den USA beläuft sich der Anteil des produzierenden Gewerbes nur noch auf etwa 20 Prozent. Deutschland blutet aus, ist also etwas voreilig formuliert.
Treffender wäre es vielleicht, von einem „Blutwechsel“ zu sprechen, statt von einem „Ausbluten“. Denn während „die Industrie“ an Bedeutung verliert, hat im Gegenzug der Dienstleistungssektor kräftig zugelegt. Heute prägt dieser die deutsche Volkswirtschaft. Mit knapp 70 Prozent übertrifft der Anteil der Dienstleistungsbereiche den der anderen Sektoren deutlich.
Reindustrialisierung gewinnt an Bedeutung – und zwar zurecht
Dennoch: Die Kritik an der Deindustrialisierung ist nicht unberechtigt. Das hat spätestens die Corona-Pandemie offenbart. Da mussten Verkehrsknotenpunkte wie Flugplätze und Häfen geschlossen werden, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Lästige Nebenwirkung war, dass es Deutschland und vielen anderen westlichen Volkswirtschaften auf einmal an Produkten fehlte, die vorzugsweise aus Fernost importiert werden. Die „Lieferengpässe“ nahmen bedrohliche Ausmaße an, es fehlte zum Schluss nicht nur an Medikamenten, sondern sogar an Produkten des täglichen Bedarfs.
Das wäre nicht passiert, wenn wir unsere Sachen, diE wir brauchen, bei uns oder zumindest in unseren Nachbarländern produzieren. Nicht von ungefähr ist daher seit Corona die Zurückholung von „industrieller Herstellung“ ein Thema. Das zeigen verschiedene Umfragen. Eine, von Capgemini, kommt zu dem Ergebnis, dass rund die Hälfte aller großen europäischen und amerikanischen Industrieunternehmen bereits Investitionen getätigt haben, um Produktionen aus dem fernen Ausland zurückzuholen. Etwa drei Viertel der befragten Unternehmen gab zudem an, an einer langfristigen Reindustrialisierungsstrategie zu arbeiten.
Reindustrialisierung steht ganz oben auf der Trump-Agenda
Ein Trend, der durch die Wiederwahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten noch verstärkt werden könnte. Er setzt ganz offen auf eine Wiederbelebung der Industrie in seinem Land. „Make America great again“ ist für Trump eng verbunden mit der Schaffung neuer Industriejobs. Um das zu erreichen, ist Trump auch dazu bereit, Handelszölle einzuführen und ausländische Firmen dazu zu zwingen, ihre Produktion in die USA zu verlegen, wenn sie auf diesem Markt auch verkaufen wollen.
Notwendige Infrastrukturmaßnahmen könnte Reindustrialisierung beschleunigen
Und es gibt noch eine Entwicklung, die einer Reindustrialisierung in die Karten spielt. Und das ist der Umstand, dass es in nahezu allen westlichen Volkswirtschaften einen großen Nachholbedarf an Infrastruktur gibt. Straßen und Brücken sind vielerorts marode, Schulgebäude und Krankenhäuser verfallen; es fehlt an digitalen Kommunikationswegen ebenso wie an Eisenbahnschienen. Bis zu 600 Milliarden Euro an Investitionen in den kommenden zehn Jahren in die Infrastruktur fordern Experten allein für Deutschland. Auf das Jahr umgerechnet entspräche die Summe einer Versechsfachung der aktuellen Ausgaben.
Eine finanzielle Herausforderung, keine Frage, aber vor allem auch eine Herausforderung an die Industrie. Denn Straßen, Brücken, Schienen, Kommunikationswege und Gebäude müssen „in Handarbeit“ renoviert, modernisiert und neu gebaut werden. Dafür braucht es die klassische Industrie, die Rohstoffe wie Kupfer verarbeitet und Bauprodukte herstellt – und das in enormen Mengen. Ohne eine Reindustrialisierung keine Erneuerung der Infrastruktur – so einfach kann es manchmal sein.
Reindustrialisieren Sie Ihr Aktiendepot
Eine Reindustrialisierung der deutschen Wirtschaft hätte auch starke Auswirkungen auf den Aktienmarkt und würde Anleger zu einem Umdenken zwingen. Neben „Technologie“, mehr „Handfestes“, Produkte zum Anfassen, Infrastruktur und Bau. Gewinner einer solchen Renaissance gibt es viele, auch wenn sie in den zurückliegenden Jahrzehnten nicht mehr so im Fokus standen. Lassen Sie uns also über die Reindustrialisierung Ihres Depots sprechen, es wird Zeit: Kontakt.
Bitte beachten Sie den Haftungsausschluss.
V.M.Z. Newsletter
Unser Newsletter informiert Sie stets über die Entwicklungen an den Kapitalmärkten.
Über den Autor:
Dr. Markus C. Zschaber, Gründer und Geschäftsführer der V.M.Z. Vermögensverwaltungsgesellschaft, gilt als einer der erfahrensten und renommiertesten Vermögensverwalter in Deutschland und begleitet alle Prozesse im Unternehmen aktiv mit.
Analysen & Kommentare
Biotechnologie – wie Big Data und KI helfen
Medizinscher und technologischer Fortschritt forcieren in der Biotechnologie die Entwicklung neuer Medikamente. Wie Anleger an dieser Entwicklung partizipieren können.
Stockpicking – auf der Suche nach einer vernünftigen Anlagestruktur
Steigende Renditen am Anleihemarkt einerseits, zunehmende Unternehmensgewinne andererseits – am US-Aktienmarkt liegen Chance und Risiko derzeit nah beieinander. Anleger müssen darauf mit einer gezielten Suche nach Qualitätsaktien Aktien reagieren.
Clean Meat – die „saubere“ Lösung
Die traditionelle Fleischproduktion ist mit vielen Problemen verbunden. Kein Wunder also, dass Wissenschaftler schon seit einigen Jahren attraktive Alternativen erforschen. Mit dem sogenannten Clean Meat sind sie nun fündig geworden. Was das genau ist und wie Anleger an dieser Entwicklung partizipieren können, erfahren Sie im sechsten und letzten Teil unserer Serie rund um technologische Neuerungen.
Roboter-Aktien sind keine Zukunftsvision mehr
Roboter, die fast wie Menschen aussehen, sprechen und gehen, sind keine Zukunftsversion mehr. Sie existieren bereits, und die ersten Serienproduktionen laufen jetzt an. Wie Anleger an dieser Entwicklung rund um Roboter-Aktien partizipieren können, erklären wir im fünften Teil der Serie zu den technologischen Neuerungen.
Impfen: Die richtige Dosis fürs Depot
Früher wurde gegen Pocken geimpft, heute unter anderem gegen Grippe, Corona, Meningokokken und Krebs. Der Markt für Impfstoffe hat sich deutlich erweitert. Weshalb diese Entwicklung auch Anlegern Chancen bietet, erfahren Sie im vierten Teil der Serie zu den technologischen Neuerungen.