Indien – aktuell herausforderndes Umfeld für eine Wachstumsnation
25. September 2025
Die indische Volkswirtschaft hat in den vergangenen Dekaden große Fortschritte gemacht, doch die neuen US-Handelszölle treffen Indien hart. Das Land sucht nach Auswegen, senkt die Mehrwertsteuer und strebt eine Senkung der Zölle an. Auf lange Sicht machen die indischen Rahmenbedingungen aber weiterhin Mut.
In Indien wird es günstiger. Als Reaktion auf die neuen Handelszölle der US-Regierung auf indische Produkte senkt Neu-Delhi die Mehrwertsteuer im Land. Butter, Brot, Shampoo und Autos werden für den indischen Konsumenten günstiger, was die Kauflaune steigern soll. Zur Erinnerung: Im August hatten die USA auf indische Einfuhren einen 50-Prozent-Zoll eingeführt, als Reaktion auf Handelsungleichgewichte zwischen beiden Ländern und einem nach wie vor florierenden Handel zwischen Indien und Russland. Russland war im zurückliegenden Jahr für Indien das zweitwichtigste Lieferland – vor allem Rohstoffe wie Öl wurden von Indien kräftig eingekauft.
US-Zölle machen Indien zu schaffen
Unter dem Strich erhofft sich die indische Regierung durch die Steuersenkung Mehrausgaben seitens ihrer Bürger in Höhe von mindestens 20 Milliarden US-Dollar. Dadurch soll einer drohenden Delle des Wachstums – hervorgerufen durch die neuen US-Handelszölle – begegnet werden.
Bis zu zwei Prozent könnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) aufgrund der Zölle schwächer ausfallen, so Berechnungen. Bislang hatte der Internationale Währungsfonds für das laufende Jahr ein BIP-Plus gegenüber dem Vorjahr von knapp über sechs Prozent prognostiziert. Stellt man in Rechnung, dass die Handelszölle etwa zur Jahresmitte eingeführt wurden, rechnet man nun nur noch mit rund fünf Prozent. Spätestens im kommenden Jahr könnte der Zwei-Prozent-Rückgang aber voll durchschlagen. Vor diesem Hintergrund wird die Senkung der Mehrwertsteuer als Wachstumsstimulierung durchaus verständlich.
Indien sucht Kontakt zu den USA
Ob diese Stimulierung am Ende ausreicht, um den Einbruch der Exports indischer Waren in die USA auszugleichen, wird sich erst noch zeigen. Die USA waren zuletzt immerhin der wichtigste Abnehmer indischer Waren – das Exportvolumen belief sich im vergangenen Jahr auf rund 87 Milliarden Dollar, was einen Anteil von etwa 18 Prozent an allen indischen Ausfuhren entspricht. Zum Vergleich: Auf Platz zwei folgten die Vereinigten Arabischen Emirate, mit einem nur halb so hohen Anteil. Das zeigt die Bedeutung der USA für die indische Wirtschaft und die Bedrohungslage durch die US-Zölle. Berechnungen signalisieren, dass durch die Senkung der Mehrwertsteuer das Wachstum unter dem Strich nur um 0,5 Prozent gesteigert werden kann, es bleibt also am Ende möglicherweise im kommenden Jahr ein Rückgang um rund 1,5 Prozent.
Der indische Premier Narendra Modi dürfte daher auch weiterhin den Kontakt zu US-Präsident Donald Trump suchen – nicht nur, aber vor allem, um eine Senkung der US-Handelszölle zu erreichen. Berichten nach trafen sich vor einigen Tagen US-Gesandte und indische Politiker zu Gesprächen über ein Handelsabkommen in der Hauptstadt Neu-Delhi. Auch wenn noch keine konkreten Ergebnisse auf dem Tisch liegen, allein das sich getroffen wird, macht Mut. Abzuwarten bleibt jedoch, ob Indien tatsächliche bereit ist, seinen Handel mit Russland zu reduzieren – und wie US-Präsident Trump reagieren wird, falls Indien die gewünschte Reduzierung ignoriert.
Indien auf dem Weg zu einer Industrienation
Ungeachtet dessen ist festzuhalten, dass Indien seit vielen Jahren eine erfolgreiche Wachstumsnation ist. Und: Mit rund 1,4 Milliarden Einwohnern und einem Altersdurchschnitt (Median) von etwa 28 Jahren verfügt das Land weiterhin über sehr günstige Voraussetzungen für ein langfristiges Wirtschaftswachstum.
Dabei ist ein Teil der jungen Bevölkerung gut ausgebildet. Rund 40 Millionen Studierende sind derzeit in einem tertiären Bildungsgang, also an einer Hochschule oder Fachhochschule, eingeschrieben. Anzahlmäßig liegt das Land damit weltweit hinter China auf Platz zwei. Allerdings hat Indien im Vergleich der Studierendenanzahl zur Gesamtbevölkerung noch Aufholpotenzial. Mit einer Brutto-Immatrikulationsquote, das ist der Anteil eines Schulabschlussjahrgangs, der ein Studium mit hoher Wahrscheinlichkeit aufnimmt, liegt in Indien derzeit bei rund 30 Prozent, Deutschland kommt hier auf einen Wert über 70 Prozent, in den USA liegt er sogar bei fast 90 Prozent.
Und noch ein Faktor unterstützt das langfristige Wachstum: Indien investiert hohe Summen in Infrastruktur und Wirtschaft, weil man in Neu-Delhi alles daransetzt, das Land aus der Gruppe der Emerging Markets in die Riege der Industrienationen zu führen. Bis Mitte des Jahrhunderts will Indien, so das erklärte Ziel des wiedergewählten Regierungschefs Narendra Modi, eine moderne Volkswirtschaft sein, vergleichbar mit den Volkswirtschaften in Europa.
Sie möchten mehr über die Wachstumsaussichten und die Chancen und Risiken am indischen Aktienmarkt erfahren? Dann freuen wir uns, von Ihnen zu hören: Kontakt
Bitte beachten Sie den Haftungsausschluss.
V.M.Z. Newsletter
Unser Newsletter informiert Sie stets über die Entwicklungen an den Kapitalmärkten.

Dr. Markus C. Zschaber, Gründer und Geschäftsführer der V.M.Z. Vermögensverwaltungsgesellschaft, gilt als einer der erfahrensten und renommiertesten Vermögensverwalter in Deutschland und begleitet alle Prozesse im Unternehmen aktiv mit.
Analysen & Kommentare
Emerging Markets – gute Aussichten, doch nicht alle überzeugen
Viele Schwellenländer weisen ein recht erfreuliches wirtschaftliches Wachstum auf. Doch das allein reicht nicht aus, um für Investoren attraktiv zu sein. Weitere Faktoren kommen hinzu, damit Anleger am Ende auch Gewinne erzielen.
DAX 2026: Die „Weide“ wird größer
Wie entwickelt sich der DAX im neuen Jahr? Auch wenn am Ende die Psychologie mitspielt, einige „Zaunpfähle“ lassen sich einschlagen, die die „Auslauffläche“ vorgeben. Und die wird beim DAX 2026 größer.
Völlig unterschätzt – KI in Pflege und Gesundheit
Die Künstliche Intelligenz dringt mehr und mehr in unseren Alltag vor. Auch der Bereich Pflege und Gesundheit ist davon betroffen. Dabei bietet die KI enorme Chancen, Kosten zu reduzieren, Prozesse zu optimieren und zum Wohle des Patienten beizutragen.
Logistikbranche im Umbruch
In der Logistikbranche treffen zahlreiche technologische Neuerungen aufeinander. Es kommt also nicht von ungefähr, dass sich der Logistiksektor gerade ein wenig neu erfindet. Wie tiefgreifend die Veränderungen sind und wie man als Anleger davon profitieren kann.
Weshalb 2026 ein Blick auf Nebenwerte lohnen könnte
Sie bilden das Rückgrat der Wirtschaft, bieten Wachstumspotenzial und sind vergleichsweise günstig bewertet. Es gibt also gleich mehrere gute Gründe, weshalb Nebenwerte für Anleger attraktive Renditechancen bieten.